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Outing als transidenter Junge in der Schule

Von L.

Ich möchte meine Erfahrungen zum Thema „Outing in der Schule“ teilen, vielleicht hilft es dem einen oder anderen. Kurz zu mir und meiner Situation vor dem Outing: zu dem Zeitpunkt war ich gerade 16 Jahre alt und ging noch in die 9te Klasse einer Gesamtschule. Ich war seit einem Dreivierteljahr bei meinen Eltern geoutet, bei einer ehemaligen Lehrerin, bei meiner (Paten-)Tante und bei 2-3 Freunden. Offen habe ich zu dem Zeitpunkt noch nicht als L. gelebt. Dieser Schritt sollte erst mit dem Outing in der Schule in die Tat umgesetzt werden. In Therapie war  ich ca. ein halbes Jahr und fühlte mich dann, nachdem auch mit meinen Eltern zu Hause alles okay war, bereit mich „komplett“ zu outen. Das war kurz vor den Sommerferien.

Meine Mutter wollte gerne ein Gespräch mit meiner Lehrerin, nennen wir sie mal Frau Mustermann, vereinbaren, um Themen wie die Klassenfahrt, Sportunterricht, und Namenslisten und auch das Outing zu besprechen. Ein Gespräch mit der Lehrkraft würde ich jedem raten, der ein Outing in der Schule plant. Auf der einen Seite um organisatorische Dinge zu klären, aber auch um bestenfalls Vertrauen aufzubauen und Rückhalt zu haben. Also bin ich zu ihr gegangen, freitags, nach dem Unterricht und habe sie nach einem Termin gefragt. Ohne ihr das Thema zu benennen wollte sie mir keinen Termin geben, also musste ich ihr kurz meine Situation schildern. Ich erklärte ihr wie meine momentane Lage war und sagte, dass ich es nun gerne selbst meiner Klasse sagen würde. Das ganze dauerte nicht lange, ca. 2-3 Minuten. Also keinesfalls genug Zeit um sich ein Bild von der Situation zu machen. Im Nachhinein hätte ich das nicht tun sollen, also mein Rat an der Stelle: wenn man der Person nicht vertraut, dann lässt man es lieber und wartet bis man jemanden dabei hat mit dem man sich sicher fühlt. Zum Beispiel einen Freund oder Eltern. Das ganze Thema ist schließlich sehr privat und leider kann man sich auch in manchen Menschen täuschen, was z.B. das Vertrauen angeht. 

Der Termin sollte zwei Wochen später stattfinden, denn in der nächsten Woche bekam ich meine Weisheitszähne gezogen und war deshalb ab Montag nicht in der Schule. 

Am Dienstag rief mich mein bester Freund an und erzählte mir, dass Frau Mustermann mit meiner Klasse über das Thema Trans* und mich gesprochen hätte. Er wusste schon lange das ich trans* bin, war aber ziemlich betroffen von dem was sich morgens in der Schule abgespielt hatte. Ganz Ehrlich? Ich dachte erst er will mich auf den Arm nehmen. 

Sie hat meinen Mitschülern viele falsche Informationen weitergegeben, bezogen auf das „trans*sein“ und ihnen gesagt das ich mich outen wolle. Anschließend hat sie ihnen verboten mir von dem „Gespräch“ zu erzählen. Die Tatsache, dass es jetzt alle wussten war für mich ziemlich schwer zu ertragen. Mein Plan, wie ich mich outen wollte wurde damit über den Haufen geworfen und zudem war ein ungewolltes Lauffeuer entfacht. Die Gerüchteküche lief auf Hochtouren. Ich kann schlecht beschreiben wie sich das angefühlt hat, in etwa so, als hätte man mir etwas wertvolles genommen. In der Klasse waren natürlich auch Freunde und ich hatte ein schlechtes Gewissen, dass sie es so erfahren mussten. Zudem habe ich auch nie ihre direkte Reaktion mitbekommen.

Ich wünsche niemandem so eine Situation, trotzdem ist es wichtig in solchen Situationen Menschen zu haben auf die man sich verlassen kann, die von einem wissen und hinter einem stehen. Deshalb würde ich immer, bevor man sich vor allen Mitschülern outet, 1-2 freunde einweihen um Rückhalt zu haben. 

Meinem besten Freund bin ich unendlich dankbar, dass er es mir damals erzählt hat. Andere haben sich leider nicht getraut, aber sie hatten auch kein Vorwissen.

Meine Mutter war genauso entsetzt wie ich und kontaktierte die Lehrerin. Am Ende der Woche hatten meine Mutter und ich dann ein Gespräch mit Frau Mustermann, meiner ehemaligen Lehrerin, die wir uns zur Unterstützung dazu geholt hatten und einem weiteren Lehrer, der im nächsten Schuljahr mein Co-Lehrer werden sollte. Das Gespräch dauerte etwa 1,5 Stunden und war ziemlich aufwühlend. Frau Mustermann verstand einfach nicht, dass mein Vertrauen in sie erschüttert war und sie mal abgesehen davon, auch ihre Schweigepflicht gebrochen hatte. 

Auch das Ausmaß, was das jetzt z.B. für mein Umfeld bedeutete war ihr nicht klar. Aus Frau Mustermanns Sicht war ihre Aktion total gut um die Reaktion der Klasse einzuschätzen und sie vorzubereiten. Eine 45-minütige Doku, die sie sich angesehen hatte, reichte ihr wohl aus um einer Klasse das Thema gut erklären zu können. Anschließend schob sie den Schülern die Schuld zu, die ihren Mund hätten halten sollen. Verstanden, was mein Problem war, hat sie bis zum Schluss nicht. Am Ende hat sie sich dann mehr oder weniger freiwillig entschuldigt. Rücksicht auf die Tatsache, dass sie einen transidenten Schüler in ihrer Klasse hat, hat sie die restliche Zeit der 9ten und 10ten Klasse nicht genommen. Sie bot mir zwar an zu ihr zu kommen wenn ich Probleme hätte, aber das kam für mich nicht mehr in Frage. Ich glaube in solchen Situationen heißt es einfach durchhalten. Für mich war die Dauer des Schuljahres ja abzusehen. Meinen Mitschülern habe ich die Situation dann erklärt als ich wieder in der Schule war. Es fiel mir nicht schwer und nachdem sie noch ein paar Fragen gestellt hatten, war das Thema vom Tisch.

Zum Glück kann ich sagen, dass ich mit Mitschülern keine negativen Erfahrungen gemacht habe. Ich denke ein selbstbewusster Auftritt vor der Klasse ist wichtig, ebenso wie Fragen zu beantworten. Dann ist allen klar worum es geht und man kann direkt noch ein bisschen aufklären. 

Bei meinen Fachlehrern habe ich mich dann in den nächsten Tagen auch geoutet. War alles recht unproblematisch. Ab dem Zeitpunkt wurde ich dann von allen, inklusive Frau Mustermann, mit L. angesprochen und männliche Pronomen benutzt. 

Bis zum Ende der 10ten Klasse war dann alles soweit okay. Hin und wieder gab es noch unschöne Situationen mit Frau Mustermann, aber ich habe verstanden, dass es solche und solche Menschen im Leben gibt und man sie nicht ändern kann. Ich habe dann auch 5 Monate vor dem Ende der 10ten Klasse mit Testo angefangen. Am Ende der 10ten klasse hat Frau Mustermann sich dann doch nochmal was geleistet, als ich beim Abschluss vor ihr stand und sie sich vor allen bei mir für mein Amt als „Klassensprecherin“ bedankte. Schuld war natürlich mein Zeugnis, in dem noch mein alter Name stand und außerdem ihre Kollegin, die sie nicht unterbrochen hatte. Meine VÄ/PÄ war in den letzten Zügen , das Zeugnis nicht sichtbar in einer Mappe und ich stand im Anzug mit Fliege vor ihr… Soviel dazu. Ich bin froh sie nun, seit dem Start nach den Sommerferien 2018, in der 11ten Klasse nicht mehr sehen zu müssen.

Ich weiß, dass Outings meistens schöner verlaufen können. Trotzdem finde ich es wichtig meine Erfahrungen zu teilen und zu zeigen, dass es auch anders laufen kann. Aus solchen Situationen wird man lernen und gestärkt werden. Zudem weiß man dann, wer 100% hinter einem steht . Es kommt halt am meisten auf die Menschen an, die daran beteiligt sind und darauf wie aufgeklärt sie sind.

Allen die ihr Outing in der Schule noch vor sich haben wünsche ich viel Erfolg und ein gutes, tolerantes Umfeld. 🙂

L.

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